Ein anderes Element. Neue Möglichkeiten.
Warum Wasser für Kinder mit Beeinträchtigung besondere Bewegungsmöglichkeiten schaffen kann.Wenn Franzi ins Wasser springt, ist ihre Freude nicht zu überhören. Sie kreischt, lacht und schwimmt einfach los.
Franzi ist 22 Jahre alt und kommt seit einiger Zeit zu uns in die Einzelstunde. Sie hat das Down-Syndrom und als sie zu uns kam, war weder ihr noch ihrer Mutter bewusst, wie sehr sie Wasser liebt und wie leicht Ihr das Schwimmen fallen würde!
Mittlerweile schwimmt Franzi sicher Brust und Rücken, taucht über eine längere Strecke und lernt gerade das Rückenkraulen. Wir haben sie gefragt, ob wir sie dabei fotografieren dürfen. Sie hat sofort zugestimmt. Die Bilder zeigen eine junge Frau, die schwimmt, taucht, springt – ganz in ihrem Element.


















Genau das erleben wir bei Kindern mit Beeinträchtigung immer wieder: Im Wasser können sich die Voraussetzungen für Bewegung grundlegend verändern.
Wenn Bewegung in den "Flow" kommt
An Land muss der Körper ständig gegen die Schwerkraft arbeiten. Im Wasser übernimmt der Auftrieb einen Teil dieser Arbeit. Das Körpergewicht wird teilweise getragen. Bewegungen können dadurch leichter werden – auch für Menschen, die an Land deutlich mehr Kraft oder Unterstützung brauchen.
Gleichzeitig bietet Wasser Widerstand. Jede Bewegung wird spürbar und kontrollierbar. Arme und Beine können langsam bewegt, Bewegungsabläufe ausprobiert und Gleichgewicht und Körperkontrolle trainiert werden.
Gerade bei Kindern mit neuromotorischen Beeinträchtigungen kann dieser andere Bewegungsraum interessant sein. International arbeitet beispielsweise das Halliwick-Konzept mit genau diesen Eigenschaften des Wassers. Es wurde in den 1950er-Jahren vom Briten James McMillan entwickelt und nutzt Auftrieb, Wasserwiderstand und die Rotationsmöglichkeiten des Körpers, um Gleichgewicht, Körperkontrolle und selbstständige Bewegung im Wasser zu fördern.
Diese Ausbildung gehört auch zur fachlichen Grundlage meines Unterrichts: Ich habe vor einigen Jahren die McMillan-Ausbildung absolviert und bringe die Prinzipien des Halliwick-Konzepts in meine Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigung ein. Dabei geht es nicht um ein starres Übungsprogramm, sondern darum, die Eigenschaften des Wassers gezielt zu nutzen und für jedes Kind individuelle Bewegungsmöglichkeiten zu entdecken.
Besonders eindrücklich erleben wir das bei Kindern mit Spastik: Seit Jahren beobachten wir mit Erstaunen, wie sich ihre Bewegungen im Wasser verändern. Die erhöhte Muskelspannung kann nachlassen, der Körper wird beweglicher und Bewegungen werden leichter und fließender.
Ein Kind, das sich an Land nur mühsam fortbewegt, kann im Wasser plötzlich selbstständig eine Strecke zurücklegen. Ein Kind, das Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht hat, kann eine Bewegung ausprobieren, ohne dabei sofort das volle Körpergewicht tragen zu müssen. Und manchmal entstehen Bewegungen, die an Land so gar nicht zu sehen sind.
Das kann ein erstaunliches Erlebnis sein: Ich kann mich selbst bewegen.
Wenn aus Bewegung Selbstvertrauen wird
Schwimmen ist dabei weit mehr als eine motorische Übung.
Ein Kind lernt nicht nur, wie es Arme und Beine bewegt. Es erlebt unmittelbar, dass die eigene Bewegung etwas bewirkt: Ich stoße mich ab und komme vorwärts. Ich drehe mich und kann meine Lage im Wasser verändern. Ich tauche und komme wieder hoch. Ich schwimme eine Strecke, die gestern noch nicht möglich war.
Diese Verbindung zwischen eigener Handlung und Erfolg kann Selbstwirksamkeit stärken.
Und manchmal braucht es dafür gar keinen großen Lernsprung. Es reicht, wenn ein Kind plötzlich merkt: Das geht. Ich kann das.
Genau solche Erfahrungen können auch über das Schwimmen hinaus wichtig werden. Wer erlebt, dass sich Üben lohnt und eine zunächst schwierige Bewegung irgendwann gelingt, gewinnt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Wasser eröffnet neue Möglichkeiten
Vielleicht ist das einer der schönsten Aspekte am Schwimmen. An Land sehen wir oft zuerst, was einem Kind schwerfällt. Im Wasser verändern sich die Bedingungen. Die Beeinträchtigung verschwindet dadurch natürlich nicht. Aber manche Anforderungen an den Körper werden geringer, andere kommen hinzu. Das kann einen Bewegungsraum schaffen, in dem ein Kind selbstständiger handeln kann als an Land.
Bei Franzi lässt sich das besonders schön beobachten.
Als sie zu uns kam, war das Schwimmen für sie mit Unsicherheit verbunden, obwohl sie es eigentlich schon konnte. Heute schwimmt sie sicher, taucht über lange Strecken und probiert mit dem Rückenkraulen bereits den nächsten Schwimmstil aus.
Und dann ist da noch dieser Sprung: Franzi springt ins Wasser, taucht auf und kreischt vor Freude
Für uns steckt darin mehr als ein schöner Moment. Es zeigt, was passieren kann, wenn ein Kind einen Zugang zu seinen eigenen Fähigkeiten findet.
Sicherheit im Wasser für jedes Kind
Bei aller Freude bleibt ein wichtiger Punkt: Schwimmen ist eine Sicherheitskompetenz.
Kinder mit Beeinträchtigung haben genauso die Möglichkeit, einen sicheren Umgang mit Wasser zu lernen. Gleichzeitig brauchen sie dabei teilweise andere Voraussetzungen, mehr Zeit oder eine individuellere Begleitung.
Deshalb gibt es bei uns nicht den einen Weg.
Manche Kinder profitieren von einer Einzelstunde, in der Tempo, Kommunikation und Übungen ganz auf sie abgestimmt werden können. Andere lernen gut in einem Schwimmkurs mit anderen Kindern und profitieren zusätzlich von der Gruppe.
Wir schauen deshalb gemeinsam mit den Eltern, was für das jeweilige Kind sinnvoll ist.
Ein Element, in dem vieles möglich wird.
Vielleicht haben Sie bisher gedacht, dass Schwimmen für Ihr Kind aufgrund seiner Beeinträchtigung schwierig oder gar nicht möglich ist.
Dann lohnt sich ein Blick ins Wasser.
Denn manchmal verändert schon das Element die Voraussetzungen so sehr, dass etwas möglich wird, das an Land kaum vorstellbar war.
Vielleicht ist es das Genießen des Auftriebs. Vielleicht der erste selbstständige Schwimmzug. Vielleicht das erste Mal, dass ein Kind eine Strecke allein zurücklegt.
Oder vielleicht ist es wie bei Franzi:
Ein Sprung ins Wasser. Ein lautes Kreischen. Und dieses riesengroße Grinsen.
